31.10.12

trek tsetang-sarchu/6

um 8:00 kam ein reiter angaloppiert: tundup phuntsok, pferdemann no. 2. die gesamte familie und nachbarn kamen zusammen und ein großes palaver startete. er sei nach zinchen gegangen und ich sei nicht dort gewesen und er hätte gewartet und nach mir gesucht und um 19:00 sei er wieder runtergegangen. alles durch das vorige tal. warum nicht mein weg? der sei völlig unbegehbar! mein gepäck? in zinchen. thosam hätte seine pferde wieder (sie waren oberhalb testas), ich solle doch nach tangtse gehen. ich startete.



und wurde wieder zurückgerufen. es sei eigentlich so, dass thosam lieber wieder heimwolle und er selber hätte eigentlich doch dringende arbeiten zu erledigen. aber der vater von dem netten jungen mann in thabley bot sich als pferdemann no. 3 an. es ging noch um 6.000 rs. für 4 tage, die man verdienen konnte und ich verstand nicht ganz, wieso no. 1 und 2 so locker darauf verzichteten. das ist das monatsgehalt eines besseren lehrers. aber mir sollte es egal sein, mit wem ich gehe, hauptsache ich kam endlich weiter! wir schickten tundup mit der nachricht zurück, dass wenn niemand bis 9:30 auftauchte, ich mit horseman no. 3 aufbrechen würde.


das hier ist mein netter englischsprechender retter, der immer übersetzen musste. er heißt lobzang angdus, ist in leh zur schule gegangen, hat in chandigarh und jammu moderne geschichte studiert und einen guten abschluss darin. er hat jetzt eine lehrerstelle in der gouvernment-schule von ichar, bewirbt sich aber auf einen besseren gouvernment-job. er war in den sommerferien immer daheim und hat so nicht ganz den kontakt verloren, wie andere. und als student hat er als guide gearbeitet. ja, er vermisst die betriebsamkeit seiner lernorte trotz des friedens hier. das leben hier ist so ungeheuer hart. das ist ihm dadurch erst so richtig bewusst geworden. jetzt hat er sich an der schule urlaubstage genommen, um der familie zu helfen.

eine frage ist, wie der gestrige tag gerechnet werden sollte. ich fühlte mich weiterhin relativ unschuldig. aber doof ist es schon. ich fragte lobzang, aber er gab keine antwort dazu. wir frühstückten erstmal. dann kam wieder eine reiterin: tundup phuntsoks tochter. thosam ließ ausrichten, ich solle noch 1.000 rs. für die agentur mitgeben. das kapierte ich nicht. fand ich auch doof, dass er dann nicht selber kam. es gab keine agentur. ich hatte immer alle (auch ihn) nach den jeweiligen geldgaben gefragt, ob es so ok ist und nie einen widerspruch gehört. lobzang hatte die idee, dass ich verschriftliche, wem ich wann was mit welchen anmerkungen gegeben habe, was ich tat. der tochter gab ich dann noch etwas geld für ihren vater. sie fand es zu wenig, ich fand es einen guten kompromiss. sie sollte noch mit nach zinchen kommen, um die sachen ihres vaters runterzubringen.

wir starteten und ich ging wieder durch diese schlucht. die natürlich nicht völlig unbegehbar war. auch weiter oben nicht.

tochter und pferdemann no 3:

camping zinchen, wo noch alle sachen lagen:

wir gingen noch etwas höher, zu einem kleineren, aber windgeschützterem platz


und namgyal, so sein name, machte sich an das abendessen. wir waren auf 4.750 m und es war kalt.

30.10.12

zanskar-geschichten-gespräche-infoquellen

vorgestern telefonierte ich mit tundup. gestern traf ich den direktor der zanskar-schule. dazwischen recherchierte ich im internet. die zanskar-geschichte mit den konvertierungen ist noch lange nicht ausgestanden.

sie ist sogar wieder hochgekocht. mein letzter stand war: die konvertierten stellten bedingungen an die buddhistische gemeinschaft - wenn diese erfüllt werden würden, würden sie wieder zurückkehren. die buddhisten waren einverstanden, aber die moslems nicht. man kann nicht einfach wieder vom islam wegkonvertieren.

dazu gibt es im prinzip zwei argumente:
a)  in indien ist in der verfassung die religionsfreiheit verankert - alle staatsbürgerInnen dürfen wählen, welcher religion sie angehören möchten
b) im koran ist verankert, dass konvertierungen nicht erlaubt sind, da sie eine beleidigung für die religion darstellen. im prinzip steht da todesstrafe drauf.

fakt ist: in ganz ladakh, zanskar, bundesstaat j&k hat es konvertierungen von anderen religionen zum islam gegeben (meist durch heirat), aber keine einzige vom islam zu einer anderen religion. das findet die buddhistische bevölkerung (in person von tundup) höchst ungerecht und erwartet, dass die moslems das ändern. und sie sollten sich der heiklen religiösen situation bewusst sein und keine konvertierungen zulassen. es geht in den bezirken vielfach darum, wer in der minder- und mehrheit ist und das sind mal die einen, mal die anderen (in j&k sind es die moslems, im kargil-distrikt, zu dem zanskar gehört, ebenfalls, in zanskar selber sind es die buddhisten, in ladakh die buddhisten). und obwohl indien ein säkulärer staat ist, wird extrem viel auf der religionsebene geregelt.

außerdem gibt es eine krause geschichte mit dem besitz der niedrigkastigen. soweit ich verstanden habe, gibt es ein gesetz welches regelt, dass der grundbesitz bei konvertierungen in der jeweiligen religionsgemeinde bleibt. da die niedrigkastigen immer noch moslems waren, verriegelte man ihr haus und hinderte sie am betreten desselben. das wurde als provokation empfunden. aber vielfach bin ich mir nicht sicher. es gibt zeitungsmeldungen, die andere zeitungen wieder dementieren. es gibt berichte von dabeigewesenen, die sich aber mit denen anderer dabeigewesener widersprechen. es sollen die kommunikationssysteme gesperrt worden sein (also telefon und internet). es hat aggressionen gegeben, die in verletzungen mündeten und mind. einer ist im krankenhaus von srinagar gelandet. es gibt unzufriedenheit damit, wie das gouvernment mit der situation umgeht. es gibt aufgeregte engagierte menschen in kargil und ladakh. es gibt eine weitere krause geschichte von tundup erzählt über einen mönch im auto von padum nach kargil, der im suru-tal (islamisch) angegriffen wurde. es gibt das gerede "wo ein moslem ist, da ist auch ein problem". es gab in leh am sonntag eine geschäfts- und behördenschließung. sie haben sich in ladakh ausgedacht, dass es gut wäre, aus jeder  religionsgemeinschaft ein oberhaupt zu wählen, welche zusammenkommen und beraten und beschließen, wenn sich probleme anbahnen.

ich weiß, dies ist auch ein krauser und nicht wirklich guter blogeintrag. aber da mir selber schien, das problem sei ausgestanden und ich herausfand, dass dem nicht so sei, wollte ich diese info weitergeben, auch wenn innerhalb dessen noch keine klarheit herrscht. aber dazu sind thema, situation und informationsquellen leider auch zu verworren.

ich habe trotzdem eine ziemlich klare meinung zu dem ganzen. tundup wirft mir vor, alles nicht richtig zu verstehen, weil ich außenseiterin bin. der zanskar-schuldirektor, ein hindu aus himachal pradesh, ist allerdings genau meiner meinung, wie wir gestern feststellten. wer selber gucken will: google spuckt unter "zanskaer" und "converts" einiges aus. und die wikipedia einträge zu islam, konvertierungen in den religionen etc. sind auch nicht uninteressant.



29.10.12

trek tsetang-sarchu/5

thosam dachte, statt weiterzuwarten wegen seiner pferde (manchmal findet man sie wieder, manchmal werden sie von wölfen gerissen, manchmal fallen sie ins wasser), sollte ich mit einem anderen pferdemann weitergehen. das fand ich auch. es war zwar täglich knallblauer himmel, aber nachts eisig kalt und ich fürchtete nahen schneefall und unpassierbarkeit des passes. 

also ein neuer pferdemann: tundup phuntsok. wir verabredeten 8:30 oder so zum starten. ich saß gepackt auf meinem gepäck. er kam nicht. er suchte seine pferde. gegen 10:00 tauchte er auf: die pferde waren im nächsten dorf, wo es wohl noch besseres gras gab. dann wollte er erstmal frühstücken. und kam 10:30 wieder mit seinem kocher und geschirr etc.

dann verschwand er wieder, weil er immer noch nicht gefrühstückt hatte. um 11:00 sagte thosam mir, ich solle mal losgehen (ich war auch schon unruhig, weil ich so langsam gehe) und zeigte mir den weg: bis zu dem haus in thabley und dann das tal links hoch. nicht das tal vorher, das bei dem haus! ich wanderte los und bog bei dem haus ab.


und dann hab ich gar keine bilder mehr gemacht. es ging eine schlucht hoch, schmaler, aber eindeutiger pfad mit pferde- und trekkingschuhspuren. der pferdemann kam nicht. ich machte mittagsrast. der pferdemann kam nicht. um 15:00 war ich auf 4.400 m höhe und sah immer noch keinen pferdemann. und dabei war ich so langsam gegangen. ich beschloss bis 16:00 zu warten und dann ggf. wieder abzusteigen. ich malte mir szenarien aus, die hauptsächlich darin mündeten, dass das pferd mit meinem gepäck abgestürzt ist und niemand nach mir sucht. 2. möglichkeit: ich bin falsch. aber thosams anweisung war eindeutig. der weg auch. zur karte passte es ebenfalls. oder hatte der pferdemann shingo-la statt phirtse-la verstanden? was war des rätsels lösung?

ich merkte, wie ich der ganzen verzögerungen, an denen ich mich unschuldig fühlte, müde wurde. oder gab es doch etwas, was ich falsch gemacht hatte? was?

ich ging wieder runter und hielt ausschau nach einer pferdeleiche oder unfallspuren. nichts zu sehen. ich war und blieb verwirrt.

bei dem einzelnen haus in thabley traf ich auf einen jungen mann, der gutes englisch sprach. er sagt, das erste tal, welches ich nicht gehen sollte, führt ebenfalls zu dem camp. wahrscheinlich wartete der pferdemann in zinchen auf mich. das wäre von meiner stelle noch ca. 1,5 std. gewesen. warum in aller welt geht er einen anderen weg als ich??? ist dieses nicht der eindeutigere von allen trekkern gegangene weg? nein, beide werden gleich oft gegangen. hat thosam ihm nicht bescheid gegeben? auch, dass ich warten werde zwischendurch? man muss nach unten gehen, wenn man fürchtet, dass keiner kommt. was einem zumindest im westlichen denken so geht. warum denken sie nicht wie wir? wo hakte es? hat dieser pferdemann gedacht dass ich weiß, dass es 2 wege gibt?

der junge mann setzte mich in ein zimmer, brachte mir tee und beschloss, dass ich die nacht bei seiner familie bleiben soll. morgen würde ich den pferdemann wieder finden. dann eilte er wieder auf das feld, um weiterzuarbeiten.

es war meine erste nacht in meiner erinnerung ohne zahnbürste, wechselwäsche (meine war auch noch verschwitzt), tabletten und ich nicht sehr beglückt über diese erfahrung. und trotzdem dankbar, dass die leute so unkompliziert gastfreundlich sind. für die nacht bekam ich eine sauber riechende warme wolldecke und eine dicke steppdecke für drüber. schön warm und ok zum schlafen. (ich bin ziemlich empfindlich, was geruch beim schlafen angeht)

28.10.12

trek tsetang-sarchu/4

ab cha waren wir übrigens zu dritt. thosam hatte noch einen kumpel namens stanzin, der nach manali und dort jobbenderweise den winter verbringen wollte. der nahm dann gerne die gelegenheit wahr, mit uns zur straße zu gehen. er war auch nicht zur schule gegangen, hatte aber von seinem onkel etwas mehr lesen und schreiben gelernt, so dass er sogar einen englisch-kurs in manali belegen konnte und sich ganz gut ausdrücken konnte. er hatte sich innerlich von zanskar aber schon etwas entfernt, fand das leben dort sehr beschwerlich und langweilig und freute sich auf manali. leider habe ich gar kein ordentliches foto von ihm gemacht.

ich war ja für das trekkingessen verantwortlich, thosam für das kochgeschirr und schüssel usw. hatten alle für sich selber mitzubringen. ich hatte schüssel, löffel und becher. stanzin und thosam hatten zusammen 1 schüssel, aus der sie alles schlürften. ich musste darüber so lachen.

aber gar nicht zum lachen war die nachricht, als wir am nächsten morgen aufwachten und thosam von seiner pferdeeinsammelei zurückkam: die pferde waren nämlich weg. er suchte in die eine und in die andere und die dritte richtung, fand aber keine spur der beiden. gegen 9:30 war klar, dass wir heute nicht mehr weitergehen konnten und thosam sich auf eine lange suche würde begeben müssen. stanzin und ich gammelten mehr oder weniger in tangtse rum. hier unsere zelte:

bzw. die pferdeleute haben immer nur 1 plane und 1 stock, die sie dann zeltmäßig aufbauen mit wolldecke vor dem eingang in der nacht. hier kocht stanzin sein frühstück:

nebenan befand sich so ein solarkocher. die hatte ich schon vorher gesehen. die meisten sind von einer ngo aus deutschland geschenkt worden, einige weitere von der indischen regierung. man kann darin wasser warm machen, was ganz prima ist, weil es kein brennmaterial kostet. das kann man dann auch zum wäschewaschen benutzen. und ganz toll: man kann brot darin backen! 1,5 std. dauert das.



ansonsten kochen die leute mit gas (1 flasche reicht für 1 familie für ca. 2 monate - sie werden aus kargil mit dem truck bis padum gefahren bzw. dann weiter bis zum ende der straße und dann auf eseln zu den häusern transportiert) oder tierdung und bisschen holz auf dem zimmerofen. wir wurden in das haus nebenan zu milch- und buttertee eingeladen. hier die butterteeherstellung:






am späteren nachmittag wanderte ich zum kloster oberhalb von tangtse. es war aber verlassen und verschlossen und war nix zu sehen. aber ein hübscher ausblick.





und kurz bevor es dunkel wurde kam thosam wieder. müde, hungrig, unglücklich. und ohne pferde. er ist bis purne gelaufen, hat in cha angerufen, ist die andere flussseite die täler und abhänge hoch - niemand hat seine pferde gesehen. er rannte nochmal in die andere richtung, aber auch da war keine spur von den beiden. wie vom erdboden verschluckt.

27.10.12

trek tsetang-sarchu/3

und dann stieg ich also auf der anderen flussseite wieder hoch und wanderte dort weiter. ein sehr hübscher weg, wo man immer diesen unglaublich blauen fluss sieht, dörfer auf der anderen flussseite (bild 1 ist cha und bild 2 purne) und dabei auch auf der eigenen flussseite durch dörfer wandert (yal, testa und kuru).


überall waren große stapel an brennmaterial für den winter aufgeschichtet.

und die frauen sammelten fleißig täglich weiter.

ich traf mönche aus dem phuktal-kloster auf dem weg nach kuru. kurz unterhielt ich mich mit einem über die ereignisse in padum und die entwicklungen in zanskar etc., dann keuchte ich zu sehr und konnte ihren schritt nicht halten.

testa war das größte dorf und ich machte ein paar fotos beim durchgehen.




und dann kamen die begegnungen. zuerst pferdchen ohne was.

dann pferdchen mit menschen und tieren drauf.

und dann yaks! und was für unmengen von yaks! in größeren gruppen mit abständen dazwischen (das sind alles bilder von verschiedenen yakgruppen) zottelten sie daher. sie waren aus diesen dörfern (yal, testa, kuru) und hatten den sommer auf den hochweiden von shankar verbracht. das machen sie jeden sommer und ende september ist dann "almabtrieb". hatte ich noch nie gesehen und war dementsprechend beeindruckt. überhaupt habe ich noch nie so viele yaks auf einmal gesehen.





junge mädels organisierten die wandernden yaks, männer kümmerten sich um den wanderlahmen yak-nachwuchs und schleppte ihn entweder beim gehen oder auf pferden umher, ältere frauen hockten mit viel gelumps auf weiteren pferden und ich hatte große augen.

und bald darauf war tangtse erreicht, das tagesziel.