27.02.10

bettgeschichten aus indien II


Erschöpft tappe ich in den Tea-Shop. Meine braungebrannten Arme überzieht ein zusätzlicher Sonnenbrand. Meine Füße sind ausgelatscht. Meine Schultern schmerzen vom Rucksacktragen. Ich bin bis oben randvoll mit Glück abgefüllt. Wohlig ziehe ich die Wanderstiefel von den Füßen und zappel mit den Zehen herum. Die Tea-Shop-Leute kommen mit einer köstlichen Linsensuppe angewieselt. Es ist ganz leise und kalt und klar draußen.

Meine Gedanken wandern 24 Stunden zurück. Da bin ich mit Therese, einer nuschelnden freigiebigen Irin am Chandertal-See angekommen. Wir sind 16 km auf dem Mond spaziert, um ihn zu finden. Da war nichts. Nur Steine, Geröll, aufgetürmt zu wolkenberührenden Gipfeln, lose herumliegend wie aus einem Rieseneimer ausgekippt. Sonst nichts. Nur Stille. Und mitten im Nirgendwo ein türkiser See. Und wir zwei Minimenschlein mit unseren Rucksäcken und dem Minizelt von Therese, wo eigentlich nur sie allein reinpasst. Wir haben uns im Bus nach Manali im indischen Himalaya kennengelernt. Zwei individualistische Alleinreisende. Die jetzt aber immer noch beisammen sind, weil es manchmal gut ist, jemanden neben sich zu haben. Z.B. in eiskalten Himalayanächten im Minizelt. Wenn um einen herum die große Leere ist und die Mondlandschaft so aussieht, als wollte sie nie enden. Mit einem See und einem Tea-Shop zum Festhalten. Wenn alles ganz ganz anders ist, als was man kennt. Aber so überwältigend, dass Worte dafür nicht ausreichen. Dann ist es gut, mit jemandem zusammen zu schweigen und zu staunen. Und manchmal ein bisschen dummes Zeugs zu plappern.

Die Linsensuppe wärmt. Der süße Milchtee füllt den Bauch mit weiterem Glück. Die Sonne verabschiedet sich hinter den Berggipfeln und es wird wieder dunkel und eisig. Wir dürfen im Hinterraum schlafen. Vorne kruscheln die Wirtsleute im rauchgeschwängerten Gastraum herum. Mit einer funzeligen Taschenlampe kruscheln wir uns Schlafplätze zurecht. Die Lagerstätte ist hart, nur ein dünner Teppich auf einer Steinbank. Die Linsen zeigen Wirkung. Ich bin unruhig. Ich denke an mein gewohntes Bett daheim. Vielleicht ist das jetzt gerade doch ein kleines bisschen viel „fremdes Glück“ auf einmal? Ich döse, träume, wache, wälze, versinke, schrecke hoch, es wird hell. Die Augen gewöhnen sich an das Dämmerlicht und können den Raum erstmals inspizieren. Ich schrecke hoch: Überall sind quer Schnüre gespannt, über denen Fleisch zum Trocknen hängt. Über den rohen Mauerwänden sind größere Fleischlappen ausgebreitet. Der ganze Raum ist voll von Fleisch, Fleisch, Fleisch.


Spiti, 1992

23.02.10

schneereste






ich rieche den frühling. manchmal.

19.02.10

visum, staaten etc.

um sich in einem anderen land wie indien aufzuhalten, braucht man ein visum. davon gibt es mehrere sorten: touristen-, business-, arbeits-, transit-, journalisten-, studentenvisum und diese auch alle nochmal mit unterschiedlicher dauer und konditionen.

wenn man aus einem anderen land wie indien nach deutschland zu besuch kommen möchte, beantragt man ein schengen-visum, wovon es auch diverse formen gibt.

im moment ist der stand folgender: ich habe ein 5-jahres-touristenvisum (s.o.) mit der einschränkung, immer nur 90 tage am stück in indien sein zu dürfen. habe ich mir gedacht, dass ich immer mal kurzfristig nach nepal ausreise, soll ja auch ganz schön da sein. jetzt gibt es aber seit kurzem eine einschränkung:
d.h. ich kann zwischendurch nicht mal kurz nach nepal rausschlüpfen und gleich wieder reinschlüpfen (außer ich würde mir fingierte reisepläne zusammenbasteln, aber das ist ja auch doof und auf dauer keine lösung). der hintergrund für diese einschränkung ist david headley, über den seine fiesen ausnutzungen des visums (und anderer dunkler machenschaften) man bei wikipedia nachlesen kann: http://en.wikipedia.org/wiki/David_Headley

jetzt war ich im konsulat, um mich nach den bedingungen für die umstellung bzw. neubeantragung eines geschäftsvisums zu erkundigen, woraufhin man mir unterstellte, das touristenvisum mit falschen angaben unberechtigterweise erworben zu haben. ich erinnere mich aber weder, etwas falsches angegeben noch etwas verschwiegen zu haben. jetzt suche ich krams zusammen um zu überzeugen, dass ich eine ehrbare person mit besten absichten bin, die indien in wunderbarer weise geschäftlich großen zugewinn bedeuten wird.

mein kollege dagegen, der tundup, der will deutschland besuchen und weiß nicht, ob das geschäftlich oder touristisch ist und wie er am besten vorgehen soll. was die botschaft von ihm wissen will ist jedenfalls bedeutend mehr als was ich nachweisen muss. man fürchtet sich wohl, dass er sich hier einschleichen und nie wieder zurückwollen will. egal, ob er geschäftlich oder touristisch kommt. und so ganz abwegig ist seine sorge der visumsverweigerung nicht - es gibt ladakhis, die nicht nach deutschland durften.

er hatte im november eigentlich nach china gewollt, aber die wollten ihn nicht und haben ihm ein visum verweigert. er denkt, vielleicht wegen seines tibetisch klingenden namens. aber gesagt haben sie ihm keinen grund.

je mehr ich mich jetzt damit beschäftige, desto abstruser kommt mir dieses ganze system vor. also eben staatengebilde und bestimmungen, wer unter welchen bedingungen rein darf und wie lange und was da tun und was nicht etc. und ein bisschen schäme ich mich, in einem staat zu sitzen, der seine grenzen relativ geschlossen hält und aber durch diesen zufall, hier geboren zu sein, doch noch eine relativ günstige ausgangsposition für aufenthalte in anderen staaten zu haben. und ich merke, wie ich auch mit einer art selbstverständlichkeit an die ganzen sachen rangehe, also meine, dass mir mein indienaufenthaltsansinnen zu recht zusteht, während tundup sich eher als kleinen bittsteller sieht, der von der großmütigen gnade deutschlands abhängt, ob er kommen darf oder nicht.

16.02.10

der anfang


ich breche ende april für eine lange zeit nach ladakh/indien/nepal auf. gestern habe ich in meinen pc eine notiz gespeichert und damit auch gleich einen ordner auf dem laptop für die zeit dort eingerichtet, wo ich alle notizen und was mir so unterkommt abspeichern will.

und dann habe ich überlegt, ab wann ich denn anfangen will, hier im blog darüber zu schreiben. also wenn ich in delhi ankomme? ist das der anfang? aber nee, das hat doch eigentlich schon vorher angefangen. aber wann hat es angefangen? mit der wohnungskündigung? nein, schon vorher. der briefmarkenarbeitskündigung? nein, schon vorher. der flugbuchung? nein, schon vorher. der aufforderung meines arztes, mich endlich zu entscheiden? nein, schon vorher. als ich mich dabei ertappte, bücher, kleidungsstücke etc. auszusortieren? nein, schon vorher. der sondierung in ladakh? nein, schon vorher. die idee meinen eltern erzählen? nein, schon vorher. der ankündigung meines vermieters, einen terrassenbalkon zu bauen und die miete damit so stark zu erhöhen, dass ich ausziehen würde? nein, schon vorher. als von meinem cousin die ganzen blogmails aus dem sudan eintrudelten und ich eine sehnsucht nach einem "internationaleren leben" verspürte? nein, schon vorher. als ich die reportagen von r. kapuscinski las und mehr in der welt erleben, von ihr wissen, die zusammenhänge besser durchschauen wollte und es mir erforderlich schien, dafür nicht nur auf stippvisiten irgendwohin zu reisen? nein, schon vorher. als eine bekannte ihr ganzes geld zusammensammelte und nach australien in eine ungewisse zukunft fuhr und ich mich so "eingefahren" fand? nein, schon vorher. als zwei freundinnen jeweils ein jahr arbeitend in indien verbrachten und ich dachte, dass ich noch nie länger woanders gewohnt hatte als in hamburg? damals dachte ich allerdings, dass ich evtl. eher ein jahr in glasgow oder tasmanien verbringen würde. und wenn ich so richtig und noch mehr darüber nachdenke, fallen mir noch 100-1000 andere sachen ein, die damit zu tun haben.

und als ich so nachdachte, erschien mir die ganze kette auf einmal wie eine logische abfolge von ereignissen und gedanken, die nur zu diesem status quo hinführen konnten. und ich guckte mir das ganze fasziniert an. wahrscheinlich ist der anfang sozusagen in dem bild da oben, in meinen eltern. danke schön!

(und für den blog - ich denke, der anfang ist getan. ich schreibe, wenn mir was einfällt und hoffe, dass mir viel einfällt und ich immer besser werde, worte dafür zu finden. die erste "richtige geschichte" gibt es wohl demnächst, die hat nämlich mit dem visum zu tun und das gehört ja schon unbedingt dazu.)

12.02.10

bücherhallenmenschen


gestern ging es meinem schnuppen schon ein bisschen besser und ich war in der bücherhalle und meine kamera hatte ich auch dabei.

11.02.10

schnuppen

gestern zog sich meine nase zu und die höhlen in meinem kopf fingen an zu schmerzen und ich legte mich in mein bett, um von dort hübsch dvd auf meinem laptop zu gucken und da sah ich in der neuen balkontür mich im spiegel und dass die im büro gegenüber unten noch licht anhatten und mir fiel ein, dass ich ja so gerne verschiedene lichtquellen auf einem bild habe und dann stieg ich nochmal aus meinem bett auf und holte die kamera, um ein bild zu machen. danach habe ich dvd geguckt und fand den film ganz schön gut (auf der anderen seite). heute habe ich das bild aus meiner kamera angeguckt und fand es nicht ganz so gut wie den film gestern, aber ok. die höhlen tun nicht mehr weh, aber die nase ist immer noch zu.

09.02.10

hände anfassen

ein zögernder blick aus knopfaugen zwischen gesichtsfalten. ich lächle. sie guckt auf meine hände. ich lächle. was will sie? ihre faltige lederhand schiebt sich näher. ich lächle und begreife nichts. dann berührt sie sachte meine hand. ich begreife. und lächle. sie lächelt jetzt auch. und kichert aufgeregt zu ihren freundinnen hin. so eine weiche hand! so eine rauhe hand! so eine weiße hand! so eine dunkle, warme, kraftvolle hand! weitere knorrige hände kommen angetastet. so viele lebendige hände. die faltengesichter gucken ganz aufgeregt. ist das wirklich meine hand, die sich auf einmal so unglaublich weich und zart anfühlt? wir fühlen einander. wir lachen uns an. wir brauchen unsere sprachen nicht zu verstehen.

07.02.10

quick service


ich bin mit meinem lichtbildervortrag fertig. jedenfalls so pauschal und grob - ver- und ausbesserungen werden mir bestimmt noch so einige einfallen. jetzt habe ich jetzt so ein sauberes feierliches gefühl im kopf ;-)