25.05.10

Einen Samen zum Wachsen bringen

Es ist Sonntag, 10:00 Uhr. Vor der Tür des Geshe-la (Gelehrter des tibetischen Buddhismus – mehr Infos siehe Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Geshe) des Likir-Labrangs in Skara, einem kleinen Ort südlich an Leh anschließend, haben sich drei ratlose Nonnen und eine Laiin versammelt. Der Geshe hat einen wichtigen kurzfristigen Termin wahrnehmen müssen und ist fortgefahren. Wie jeden Sonntag sind seine SchülerInnen gekommen, um seinen buddhistischen Ausführungen zu lauschen. Die Nonne Zangmo Thubten, 23 J., schwärmt begeistert von ihm: „Er erklärt die Inhalte so logisch, dass wir, obwohl er uns zu Fragen auffordert, keine stellen können.“ Seit Jahren ist er ihr wichtigster Lehrer und sie verdankt ihm den größten Teil ihres buddhistischen Wissens. Seine heutige Abwesenheit birgt für Zangmo eine große Chance: Soll die Unterrichtsstunde heute ausfallen oder soll sie die Lehrerinrolle übernehmen? Sie ziert sich, da sie die Jüngste ist und fürchtet, keine Autorität zu haben. Aber sie wäre die einzige geeignete. Die beiden anderen Nonnen sind schon sehr alt und haben in ihrem Leben keine nennenswerte Ausbildung genossen. Sie kommen aus Nyerma angereist, einem gesponserten Nonnenkloster für alte Nonnen, die ihr Lebtag bei ihren Familien statt in der buddhistischen Gemeinschaft lebten. Jetzt im Alter gibt es endlich Möglichkeiten und die wollen sie ausnutzen. In die Diskussion stoßen immer mehr Laienfrauen, die Zangmo ermuntern, die Stunde nicht ausfallen zu lassen. Eine von ihnen ist die Studentin Dolma Angmo, die sich seit Jahren in Delhi aufhält. Erst jetzt in der Ferne fiel ihr auf, dass sie, obwohl sie Buddhistin seit Geburt ist, eigentlich nichts über ihre Religion weiß. Das möchte sie gerne nachholen. Sie ist heute das erste Mal gekommen. Mit dieser Unterstützung, aber auch begierig, eine neue Herausforderung anzunehmen, öffnet Zangmo die Tür zum Lehrraum, tritt ein und verbeugt sich einige Male Richtung Stirnseite, wo ein Bild des Dalai Lama hängt. Die anderen tun es ihr gleich und suchen sich dann ein Sitzkissen. Die drei Nonnen setzen sich nach vorne, die Laienfrauen im Halbkreis herum und Zangmo stimmt die gemeinsame Anfangsrezitation an. Der Raum füllt sich. Es werden 14 Frauen, vier Männer und die drei Nonnen. Zangmo beginnt zu sprechen. Und in dieser kleinen zarten Person mit der starken Brille, die man leicht für einen jungen Teenager halten kann, geht eine Wandlung vor. Sie redet akzentuiert, deutlich, engagiert, mit lebhaften Gesten ohne Stockungen, als hätte sie nie etwas anderes getan. Überzeugend und logisch gibt sie eine Einführung, warum die Anwesenden Buddhisten sind, was es für das Leben bedeutet, wie er eine Lebenshilfe sein kann, was die einzelnen Aspekte wie gegenseitige Abhängigkeit, Vergänglichkeit, Samsara usw. meinen und wie das auf das eigene Leben zu übertragen ist. Die Atmosphäre ist sehr konzentriert, alle lauschen, an manchen Stellen raunt zustimmendes Gemurmel durch den Raum, eine Alte dreht dabei unablässig eine Handgebetsmühle, eine andere läßt die Perlen der Gebetskette durch ihre Hände gleiten. Zangmo fordert zu Fragen auf.
Dolma Angmo fasst sich ein Herz: „Ich bin sehr traurig, dass ich mein Leben bisher ohne die Lehre verbracht habe. Das möchte ich jetzt ändern. Aber wie? Es kommt mir so groß und gewaltig vor.“ Zangmo antwortet: „Zuerst muss man die Lehre des Buddhismus lernen. Wo nichts ist, kann sich auch nichts entwickeln. Der Same muss gepflanzt werden und dann wächst er auch. Das geht langsam, sehr langsam und man muss Geduld haben und gießen. Aber dann wird sich etwas ändern.“ Die Alte mit der Gebetsmühle ist ganz aufgelöst und erzählt von ihren vielen Problemen in ihrem Leben. Die Gruppe wird untereinander offener, es gibt mehrere Wortbeiträge, die sich hauptsächlich darum drehen, wie die Lehre des Buddhismus auf die konkreten Alltagsprobleme anwendbar ist. Viele fühlen sich von den Worten sehr berührt und tupfen verstohlen einige Tränen in ihre Schals. Obwohl viele der Anwesenden so viel mehr Lebenserfahrung haben als Zangmo, lauschen sie begierig ihrer buddhistischen Sichtweise über den Umgang mit Aspekten, die sie alle in ihrem Leben schon leidvoll erfahren haben.

Nach eineinhalb Stunden gibt Zangmo das Signal zur Beendigung der Stunde. Zwei Frauen teilen Tassen, Tee und Kekse aus und nach einem kurzen Gebet sprechen alle noch kurz miteinander. Auf die Frage, wie sie diese Stunde so souverän ohne Vorbereitung und Verhaspelungen hat hinter sich bringen können, antwortet Zangmo: „Ich rede nur über meine eigenen Erfahrungen. Die sind ja in mir und ich kann jederzeit über sie berichten ohne Angst zu haben, etwas nicht zu wissen.“ Und Dolma Angmo? Sie ist sich sicher: „Ich komme wieder!“

24.05.10

3 wochen ladakh

vor 3 wochen bin ich in ladakh angekommen - da kann man ja mal ein bisschen über die tage nachsinnieren und so. ich habe inzwischen mein tai chi training in meinen tagesablauf aufgenommen und laufe meine 2 formen meistens an ca. 5 tagen die woche morgens vor dem frühstück. das ist immer sehr schön, über stadtlautsprecher höre ich ein leises "om mani padme hum", chospel läuft murmelnd mit seinem räucherwerk herum, dolma kümmert sich um kühe und garten und sonstiges und angmo darf noch ein bisschen schlafen.
hier wehre ich die affen ab und nilza (die größere der beiden kinder) hat mich fotografiert.

sonntags gehe ich auswärts essen für eine kleine abwechslung zu meinem western style müsli. leider immer noch nicht im favoritenlokal, welches noch nicht geöffnet hat.

vormittags bin ich so gut wie immer im büro, wo meistens ein ziemliches gewusel herrscht, internetprobleme, sich ändernde tourpläne von kundschaft wegen der wetterverhältnisse (ich hatte bisher erst zwei hier, die sind jetzt wieder daheim),
aber es ist auch immer zeit für eine tasse tee, etwas quatsch, für einen blick aus dem fenster usw.
dann gibt es manchmal so spontane ereignisse wie hagelschauer oder das cafe über uns macht seine türen auf. es ist ein klettercafe und man kann an den installierten wänden herumhangeln. kostet 50 rs. die stunde und sieht man hier:

am nachmittag mache ich meistens eine längere pause und laufe raus. in den letzten tagen hatte ich immer schöne gesellschaft von sven, mit dem ich bei der nonne und den eseln war und kaffeetrinken:
und überhaupt war es nett und lustig mit ihm - vielleicht erzählt er irgendwann mal selber die geschichte zu diesem bild:
aber jetzt ist er schon wieder auf homestaytrek.

am frühen abend bin ich dann meistens zur shanti-stupa hoch oder den palastberg wie hier (im hintergrund die shanti-stupa):

um meine beinmuskeln zu trainieren. und abends dann wieder ins office und bilder bearbeiten und anderen kram machen.

wie man sieht hat mein leben hier schon wieder viel gewöhnung und rhythmus. bisher vermisse ich nicht wirklich was von daheim - vielleicht manchmal eine zentralheizung und eine waschmaschine (bisher alle schlüpfer selber gesäubert! bei den sweatshirts schwächel ich). aber so insgesamt fühle ich mich sehr wohl hier. auch wenn nicht alle dinge so werden, wie ich mir das gedacht hatte.

aber übermorgen ändert sich alles - da kommt nämlich meine reisegruppe an!

23.05.10

zu besuch bei yangchan

ist schon über eine woche her, habe ich ganz verpasst, hochzuladen. jedenfalls war ich bei yangchan zu besuch. ich kenne sie seit ich glaube 2002, wo sie bei einem frauentrek in unserem begleitteam war. sie studierte medien und war unruhig und kämpferisch und wollte die ladakhische frauenwelt verändern. dann verloren wir uns aus den augen - liefen uns zwar in den jahren mal kurz über den weg, aber nie intensiver. das geschah dann, als ich im winter 08/09 in ladakh war. sie war inzwischen mit einem sehr netten mann verheiratet, der allerdings leider meistens auswärts (srinagar) arbeitet, hatte einen sohn namens mipham geboren und arbeitet bei radio leh. und seitdem sehen wir uns immer, wenn ich hier bin. sie ist sehr viel ruhiger, wirkt zufriedener und die frauenwelt hat sie nicht wirklich verändert.
mipham wächst und gedeiht, ist sehr süß, kein bisschen schüchtern und völlig wild hinter allem elektronischem kram her. im fernseher guckt er am liebsten werbung.

neben normalem essen bekommt er noch die brust. yangchan ist wegen der arbeit nicht so oft bei ihm und fürchtet etwas, den kontakt zu verlieren (er wird meistens von ihren schwestern betreut). durch das brust-geben hat sie das gefühl, doch noch einiges an bindung zu ihm zu haben. wenn sie weggeht jammert er meistens auch ein bisschen.
aber erstmal hatten wir einen vormittag zum teetrinken (schwester und bruder im hintergrund) und mittagessen.
hier werden die linsen nach schlechten durchgeschaut. ich hoffe ja sehr, sie noch einmal an ihrem arbeitsplatz zu besuchen, aber das erfordert genehmigungen.

gemüseengpass - gemüsesuppe

gestern war wieder mein kocheinsatz im office und ich hatte mir eine schöne deutsche gemüsesuppe in den kopf gesetzt. allerdings hatte ich die lage nicht bedacht, nämlich die wetterlage, die zu straßensperrungen führte, was dazu führte, dass kein gemüse eingeführt werden konnte.
und so gab es auf dem markt nur haltbares gemüse oder gammelig aussehendes (erkennt man auf diesem foto nicht so gut - aber z.b. die auberginen und paprikaschoten war ganz schrumpelig). wir kramten ziemlich rum und suchten das heraus, was noch am brauchbarsten aussah. dann gingen wir zu einer frau im main-bazar, die einheimisches verkaufte, wovon es aber keine große auswahl gab.
immerhin erstanden wir noch etwas grünzeugs, eine art petersilie und mairübchen.
das hier ist unsere ausbeute, aufgestockt mit konservenerbsen.
phuntsok und ich schnibbelten wie die weltmeisterinnen alles klein und dann dauerte es ewig, bis die ca. 4 l. wasser kochten. in der zwischenzeit unterhielt uns nurbu, der sohn von tundup, der frisch für seine ferien aus chandigarh in ladakh eingetroffen war.
ein paarmal rührte er auch im topf herum.
dann war es endlich endlich fertig (fast 14:00) und alle superhungrig und neugierig und wir konnten essen.

zu der suppe hatte ich noch butter-naan im restaurant bestellt, einen indischen leckeren brotfladen. auch wenn alle nicht so gucken - aber ich bin mir sicher, dass ihnen dieses besser geschmeckt hat als die spaghetti-soja-bolognaise. jedenfalls wurde das essen öfters lobend erwähnt. und ich war froh, dass ich schon wieder eine große menge bewältigt hatte, die reichte und so schmeckte, wie ich es mir gedacht hatte. jetzt wird es allerdings bei mir wirklich eng mit gerichten.

22.05.10

esel-asyl




verstossene, hilflose, struppige esel in leh erweichten das herz einer südafrikanischen fotojournalistin und im juli 2008 errichtete sie mit ladakhischer hilfe ein esel-asyl. es wurden alle unglücklich aussehenden freilaufenden esel zusammengesammelt und in einen pferch mit stallungen im norden von sankar getan. dort wuseln sie miteinander herum, bekommen was zu futtern, produzieren weitere kleine esel, stürzen sich auf die taschen der besucherInnen, werden mit medikamenten versorgt und sehen z.t. weiterhin sehr struppig aus.

21.05.10

ti sei - prinzessinnen





heute morgen überraschten uns der himmel mit strahlendem sonnenschein, thinle und nilza mit ihrer prinzessinnenverkleidung und das internet mit einer broadband-verbindung. besser geht nicht ;-)

20.05.10

deutscher april im ladakhischen mai

eigentlich finde ich ja so wetterberichte doof, aber es ist dieses jahr so ungewöhnlich, dass ich einem kleinen bericht nicht widerstehen kann. andauernd ist es bedeckt und dann kommt hagel runter:

und heute sogar schnee (aber nur kurz) und dann frieren alle sowieso:
auch die hunde:
und manchmal guckt ein bisschen die sonne hervor und dann ist man gleich ganz hoffnungsvoll:
und danach zieht es sich aber wieder zu. alle straßen rundherum sind zugesperrt (Nubra, Pangong, Srinagar, Manali) und man sitzt hier fest - nur manchmal stößt ein flieger durch die wolkendecke. so ein maiwetter hat es hier noch nie gegeben.
der wetterbericht für morgen:
Friday 5/21/2010
Milder with a full day of sunshine
68 °F
da glaubt hier im office aber niemand dran.

zu besuch bei zangmo

gestern war ich mit sven bei meiner patennonne zangmo zu besuch. sie geht immer noch auf die lamdon school, wohnt im hostel und ist jetzt eine klasse höher (zur erinnerung hier ihre geschichte vom letzten jahr: http://www.nanaziesche.com/l_nonne_intro.htm)


wir saßen in der küche, tranken tee, sie gab uns lauter einsichten in die buddhistische lehre und zwischendurch und am ende haben wir ganz schön viel lachen müssen.



am meisten ist bei mir haften geblieben, dass wir selber verantwortlich sind für unsere gedanken, gefühle und einstellungen, wenn wir in vernünftiger weise unsere intelligenz nutzen. das schöne daran ist, dass wir somit selber in der hand haben, wie wir die welt sehen, auf misgeschicke reagieren usw. das unschöne daran ist, dass wir niemanden anderen schuld oder verantwortung für etwas geben können.
eigentlich weiß ich so etwas, aber im täglichen leben bin ich oft zu faul, so zu denken bzw. mich darin zu üben. und dann ist es gut, mal wieder daran erinnert zu werden.

und wer noch etwas mehr zum denken haben möchte - hier ist zangmos lieblingsstück aus der literatur - eine rede von jacques aus der 7. szene aus shakespeares "wie es euch gefällt":
Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und geben wieder ab,
Sein Leben lang spielt einer manche Rollen
Durch sieben Akte hin. Zuerst das Kind,
Das in der Wärtrin Armen greint und sprudelt;
Der weinerliche Bube, der mit Bündel
Und glattem Morgenantlitz wie die Schnecke
Ungern zur Schule kriecht; dann der Verliebte,
Der wie ein Ofen seufzt, mit Jammerlied
Auf seiner Liebsten Braun; dann der Soldat,
Voll toller Flüch und wie ein Pardel bärtig,
Auf Ehre eifersüchtig, schnell zu Händeln,
Bis in die Mündung der Kanone suchend
Die Seifenblase Ruhm. Und dann der Richter
Im runden Bauche, mit Kapaun gestopft,
Mit strengem Blick und regelrechtem Bart,
Voll weiser Sprüch und Allerweltssentenzen
Spielt seine Rolle so. Das sechste Alter
Macht den besockten, hagern Pantalon,
Brill auf der Nase, Beutel an der Seite;
Die jugendliche Hose, wohl geschont,
'ne Welt zu weit für die verschrumpften Lenden;
Die tiefe Männerstimme, umgewandelt
Zum kindischen Diskante, pfeift und quäkt
In seinem Ton. Der letzte Akt, mit dem
Die seltsam wechselnde Geschichte schließt,
Ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen,
Ohn Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles.